Ultra Hoch 3 - 19 km am Limit oder 70 km mal ganz locker?!

von Heike Gutknecht

Ich laufe. Ich denke schon lange nicht mehr an etwas anderes als den nächsten Schritt. Es geht bergauf. Das ist gut, denn das bedeutet, ich kann gehen. Ok, so gut doch nicht. Eigentlich war die gerade Strecke doch angenehmer. Mein rechter Fuß schmerzt. Egal. Es gibt kein Zurück.

Also weiter. Mittlerweile befinde ich mich wieder auf ebenem Weg und bewege mich schneller. Jetzt geht es sogar kurz bergab. Ich laufe schneller. Mein Fuß wird immer schlimmer, langsam melden sich auch meine Knie. Ich erinnere mich daran, mich aufzurichten. Weiter. Jetzt bloß nicht anhalten. Ich mache das schließlich freiwillig. Warum eigentlich? Wessen sch**** Idee war das nochmal? Letztendlich wahrscheinlich meine eigene. Toll. Bergauf. Also wieder gehen. Das mache ich nie wieder. Mein Fuß wird immer schlimmer. Noch 1,75 km. Nicht mehr viel. Ich wünschte trotzdem, es wären weniger. Na gut, beiß die Zähne zusammen und lauf! Langsam kann ich nicht mehr auftreten. Verdammt! Das Stück schaffe ich noch! Also weiter. Noch 200 m. Ich biege um eine Kurve und verlasse den Wald. Das Ziel ist in Sicht. Na los, lauf! Ich kann nicht. Ich kann nicht atmen. Aber da vorne ist das Ziel. Mach jetzt, beweg dich! Ich sehe, wie meine Füße die Ziellinie überqueren. Ein Kind kommt mir entgegen und hängt mir eine Medaille um den Hals. Der Moderator sagt, Heike und Marcel hätten es nun auch geschafft. Ich muss kurz überlegen. Ja, das sind wir. Das bin ich. Ich habe es geschafft! Ich bin 19 km im Erzgebirge gelaufen. 490 Höhenmeter. 2 Stunden 54 Minuten. Sogar mein Ziel von 3 Stunden habe ich unterboten. 19 km… und die anderen laufen 70??? Die müssen total bescheuert sein! Das mache ich nie wieder. Nie wieder werde ich mich auf sowas einlassen!

Ich wache auf. Es ist der nächste Morgen. Ich kann immer noch nicht auftreten. Noch im selben Moment, in dem mein Fuß den Boden berührt, entscheide ich, dass ich beim nächsten Mal eine längere Strecke besiegen werde.

Das war vergangenen Samstag, als endlich der letzte Ultramarathon, der Sachsentrail, für unsere wesp-Jungs Heiko, Marcus, Ronny und Daniel statt fand, bei dem ich mich entschieden hatte, eine der kürzeren Strecken mitzulaufen. Auch Holger wollte dieses Mal die 70 km im Erzgebirge wagen, hatte er doch im letzten Jahr bei halber Strecke und 35 Grad im Schatten abbrechen müssen und somit noch eine Rechnung mit dem Rabenberg offen - getreu dem Motto „Try. Fail. Try again harder.“ Zumindest Hitze sollte in diesem Jahr kein Problem darstellen, denn es herrschten kaum 20 Grad und am Nachmittag schüttete es wie aus Eimern. Marcel, der sich ebenfalls für den Ultra Trail angemeldet hatte, entschied sich im letzten Moment dann doch für den Quarter Trail mit nur 19 km, da er sich an jenem Tag nicht gut fühlte. Was zunächst schade für ihn war, war ohne Zweifel Glück für mich, denn da er auf die vierfache Strecke trainiert hatte, schüttelte er die paar Meter förmlich aus dem Ärmel und zog mich dabei ordentlich mit. Zwar bin ich jetzt total im Eimer, aber was ich zuerst nicht glauben wollte, ist tatsächlich wahr: einmal angefangen, will man mehr. Ich gebe dabei gerne zu, dass es toll ist, etwas zu schaffen, was die meisten Menschen nicht mal versuchen. „Warum machst du sowas?“ - „Weil du es nicht machst.“ Soll das doch so arrogant klingen, wie es will, es ist wahr. Aber noch viel besser fühlt es sich an, wenn man gleichzeitig seine eigenen Grenzen überschreitet. Deswegen werde ich auf jeden Fall wieder laufen. Weiter. Höher. Besser.

Heiko und Ronny konnten ebenfalls ihr gesetztes Zeitlimit von 10 Stunden mit 9 Stunden 46 Minuten unterschreiten. Nur 8 Minuten später war auch Marcus noch rechtzeitig unter 10 Stunden im Ziel und das, obwohl er auf diesen 70 km mehr zu kämpfen gehabt hatte als auf doppelter Strecke in Schottland und nicht nur einmal ans Aufgeben dachte. Alle drei waren zweifelsohne immer noch fitter als ich an diesem Tag. Nach knappen 11 Stunden und 30 Minuten gingen dann schließlich auch Holger und Daniel durchs Ziel. Ein Erfolg für alle auf ganzer Linie.

Damit ist Operation Ultra Hoch 3 zwar am Ende, aber bereits am Freitag brechen zahlreiche sportliche wesp-Athleten nach Schweden auf. Von dort aus werden sie, diesmal auf Rollen, über 1600 km bis zum Nordkap in Form eines Spenden-Staffellaufs bewältigen. Weitere Infos folgen wie immer bald.